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Rückblick: Deutsche Jugenddelegation auf der Rotkreuz-Sommerakademie 2017 in Bulgarien

Marcelo Aberle (JRK Baden-Württemberg) berichtet über seine Erfahrungen bei der Rotkreuz-Sommerakademie 2017 am Schwarzen Meer.

Die sogenannte „Academy for Volunteers“ ist ein nun schon zum 12. Mal jährlich stattfindendes Event zur Ausbildung von ehrenamtlichen Nachwuchskräften im Bulgarischen Roten Kreuz. Seit letztem Jahr werden zudem auch internationale Gäste aus der Rotkreuz-/Rothalbmond-Bewegung eingeladen, um sich mit anderen jungen Teilnehmer*innen über verschiedene Themen wie Führung, Gremienarbeit, soziale Medien und Kultur zu informieren und Erfahrungen, Ideen, Meinungen und Perspektiven auszutauschen. Wenige Wochen vor der diesjährigen Akademie vom 02.09.2017 bis 09.09.2017 erreichte mich über die Landesgeschäftsstelle Baden-Württemberg eine Ausschreibung vom JRK Bundesverband zur erstmaligen Teilnahme von zwei Delegierten aus dem Deutschen Jugendrotkreuz. Nach Ende der Bewerbungsphase wurde neben mir noch Maria Baumeister vom JRK Landesverband Bayern ausgewählt. In der kurzen verbliebenen Zeit bis zur Abreise haben wir dann schnell noch letzte Vorbereitungen und organisatorische Details untereinander und zusammen mit der Bundesgeschäftsstelle abgeklärt.

Am Freitagnachmittag, den 01.09.2017, ging es für mich schließlich auf nach Bulgarien. Mitten in der Nacht nach rund 12 Stunden Anreise am Flughafen Varna angekommen, wurde ich auch direkt am Ausgang total herzlich von zwei Mitgliedern des Organisations-Teams in Empfang genommen. Gemeinsam ging es dann an den Austragungsort der Akademie, ein direkt am Schwarzen Meer gelegenes Resort namens „Kamchia“. Nach der knapp halbstündigen Fahrt im Rotkreuz-Truck haben wir unsere Zimmer bezogen und uns schlafen gelegt.

Kunterbunte Vielfalt bei den Teilnehmer*innen
Kunterbunte Vielfalt bei den Teilnehmer*innen
Ein schneller Überblick und schon kann es losgehen.
Ein schneller Überblick und schon kann es losgehen.

Der erste Akademietag diente vorwiegend der Erholung und dem ersten gegenseitigen Kennenlernen. Das war vor allem dem Umstand geschuldet, dass die bulgarischen Teilnehmer*innen aus unterschiedlichen Teilen des Landes kamen und damit teilweise ebenfalls lange Anfahrten hatten. Für die internationalen Gäste galt das natürlich ebenso. Die anderen Delegierten wurden von den Rotkreuz-/Rothalbmondgesellschaften aus Bosnien, Großbritannien, Italien, Kirgisistan, Kroatien, Rumänien, Schweiz und Österreich entsandt. Im Verlauf des Tages trafen also immer mehr und mehr Leute ein, darunter auch meine deutsche JRK-Kollegin Maria, so dass wir uns dort das erste Mal persönlich getroffen haben. Am Abend haben sich schließlich die meisten der mehr als 100 Akademieteilnehmer*innen zur Eröffnungszeremonie zusammengefunden. Neben der offiziellen Begrüßung durch Vertreter*innen aus Politik, dem Roten Kreuz sowie der Akademieleitung, gab es die obligatorische Einführung in Organisation und Ablauf der nächsten Tage. Ein humorvolles Video erklärte die Regeln der Akademie. Schließlich wurde noch das gesamte Organisations-Team vorgestellt. Dieses bestand hauptsächlich aus ehemaligen Akademieteilnehmer*innen und Trainer*innen, sowie hauptamtlichen Mitarbeiter*innen der nationalen Ebene. Die Trainer*innen – als Expert*innen in ihrem jeweiligen Gebiet – übernahmen für die folgenden Tage die Leitung der Workshops. Alle internationalen Gäste wurden in einer Gruppe mit insgesamt 16 Delegierten zusammengefasst. Die restlichen Teilnehmer*innen wurden in Gruppen zu den Themen Gesundes Leben, Sexualprävention und Drogenprävention eingeteilt. Am Rande der Akademie versammelten sich wenige Tage später auch hauptamtliche Mitarbeiter*innen zur Klausurtagung und bildeten damit ebenfalls eine Gruppe.

Die unterschiedlichen Gruppen traten gemäß dem Akademiemotto „Challenge yourself“ gegeneinander an: Während der Akademietage wurden etliche individuell oder im Team zu lösende Aufgaben als QR-Code versteckt oder öffentlich angekündigt, sodass man bei erfolgreicher Bewältigung dieser „Challenges“ Punkte für die eigene Gruppe sammeln konnte.

Die internationale Gruppe
Die internationale Gruppe

Nach der Einführungszeremonie gab es, wie jeden Abend, bis 24 Uhr ein umfassendes Entertainment-Programm in lockerer Atmosphäre, das auch eine Disco auf dem Resortgelände mit gut gelaunten DJs umfasste. Das gab allen Teilnehmer*innen die Gelegenheit landestypische Tänze kennenzulernen und auszuprobieren. Mit etwas Übung konnten letztlich alle internationalen Delegierten bei ein paar traditionellen bulgarischen Tänzen mithalten.

Jeden Morgen ging es für alle Akademieteilnehmer*innen ab 7:30 Uhr zum Frühstücken. Entsprechend unseres sehr straffen Zeitplans gab es täglich um genau 8:30 Uhr unsere frühmorgendliche Teilnehmer*innenversammlung mit detaillierter Programmvorstellung für den restlichen Tagesverlauf und Instruktionen durch die Akademieleitung. Dazu gehörten neben einer ausführlichen Sicherheitsbelehrung auch aktuelle Informationen der Rettungsschwimmer*innen zum Wellengang am Meer während der limitierten täglichen gemeinsamen Zeit am Strand. Zu jedem Tagesauftakt gehörte auch die Vorstellung eines kurzen Aktivierungsübung durch Delegierte mindestens eines Landes, sodass auch die letzten Morgenmuffel (zu denen ich gehöre) fit für die kommenden Stunden waren. Was folgte war jeden Tag aufs Neue das eigentliche Hauptprogramm: die Workshops unter Anleitung der Trainer*innen. In unserem Fall waren dies Mariya Hristova, Mitglied des Bulgarischen Roten Kreuzes und Repräsentantin im European Youth Coordination Committee (EYCC), sowie Giuseppe Casella, Mitarbeiter der Internationalen Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmond-Gesellschaften (IFRC). Letzterer reiste aus beruflichen Gründen mit wenigen Tagen Verspätung an, übernahm dann aber einen großen Teil des Workshops mit Themen zur Struktur der Internationalen Rotkreuz- und Rothalbmond-Bewegung allgemein und deren potentiellen Neuerungsbedarf.

Trainer Giuseppe und Trainerin Mariya
Trainer Giuseppe und Trainerin Mariya

In den ersten Workshop-Tagen beschäftigten wir uns aber zunächst damit, was es heißt Führungsaufgaben zu übernehmen. Also z. B. Kompetenzen die dafür notwendig sind und welche Führungsrollen/-typen es überhaupt gibt. Bei den zahlreichen Vorträgen, Rollenspielen und Übungen stand neben dem Wissenstransfer vor allem die Selbstreflexion im Vordergrund. Ergänzt wurde das Führungskräftetraining durch einen Exkurs in das Rotkreuz-nahe Thema psychosoziale Unterstützung, bei dem insbesondere ein Fokus auf den Umgang mit Emotionen gelegt wurde. Zwischendurch hatten wir dann auch noch Gelegenheit für kleinere Einkäufe im nahegelegenen Supermarkt, ein Fotoshooting und kurze Pausen. Weitere Eindrücke der Akademie können übrigens auch auf Facebook unter dem Hashtag "#BRCYacademy" eingesehen werden. Ein weiterer großer Workshop-Block beschäftigte sich mit Best Practices im Projektmanagement für eine strukturierte Herangehensweise beim Finden und Sammeln von Ideen zu einem bestimmten Projekt. Nach der Vermittlung theoretischen Hintergrundwissens erfolgte eine praktische Umsetzung anhand der gemeinsamen Konzeption einer fiktiven globalen Anti-Diskriminierungskampagne. Verschiedene Methoden halfen uns unterschiedlicher Sichtweisen und persönlichen Herangehensweisen zu berücksichtigten, z. B. in der Rolle einer äußerst kreativen Person, ohne Einschränkungen hinsichtlich Machbarkeit, Finanzierung, etc. In einem späteren Schritt wurden dann Projektideen detaillierter besprochen, ausgearbeitet und ggf. selektiert. Teilweise geschah dies unter Anwendung eines Moderationsstils, der zwischen unterschiedlichen Rollen wechselt, priorisiert und unterschiedliche Gesichtspunkte miteinander verknüpft. Ein weiterer Workshop-Block bestand aus Kommunikationstrainings, z. B. Techniken für eine gelungene Präsentation und effektive Kommunikation im Alltag und im Geschäftsleben.

Speziell auf die Anforderungen beim Roten Kreuz zugeschnitten erfolgte noch eine Präsentation über die Nutzung sozialer Medien in verschiedenen Kontexten sowie eine Einführung in das sogenannte Freiwilligenmanagement, also die Koordinierung und Motivierung von Freiwilligen. Hier waren insbesondere Strategien zur gezielten Einbindung und Stärkung der Jugend interessante Gesichtspunkte. Dazu wurden Gastreferent*innen geladen, die uns unter anderem berichten konnten, dass es in Bulgarien ein Ausbildungssystem mit mehreren Hierarchiestufen gibt, welche vereinfacht gesagt zwischen Begünstigten, Multiplikatoren und Trainer*innen unterscheiden. Interessanterweise ähneln sich solche Vorgehensweisen zwischen nationalen Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften, während gleichzeitig viele Unterschiede zwischen ihnen bestehen. Diese Erkenntnisse bilden, wie so viele während der Akademie angesprochene Themen, die Grundlagen zum Überdenken eigener Strukturen und Vorgehensweisen, wie wir sie in Deutschland pflegen, aber andersherum auch den Ansporn bewährte Elemente in die Diskussion einzubringen.

In Vorbereitung auf das komplett über WhatsApp durchgeführte Innovationsspiel WhatFutures des IFRC, haben wir uns über den Themenbereich „Zukunft und Vorausschau“ Gedanken gemacht. Dabei ging es primär um die Fragestellung, welchen Herausforderungen sich die Menschheit in den nächsten Jahrzehnten stellen muss, was es jeweils zu beachten gilt und wie potentielle (präventive) Lösungen aussehen könnten.

Die Teilnehmer*innen haben Spaß beim Mottoabend.
Die Teilnehmer*innen haben Spaß beim Mottoabend.

Obwohl die Workshops den mit Abstand größten Teil des Zeitplans der Akademie einnahmen, gab es auch Gelegenheit zum Kennenlernen der Delegierten aus anderen Ländern, z. B. beim kulturellen Abend mit landesspezifischer Musik, Tänzen, traditioneller Kleidung und kulinarischen Spezialitäten. Zum Abschluss gab es dann noch eine große, mehrstündige Challenge, bei der eine Unterkunft aus vorhandenen Materialien gebaut werden soll. Zwischendurch traten aber einige unvorhersehbare „Ereignisse“ ein, so dass die Gruppen zusätzliche Wettbewerbsaufgaben absolvieren mussten, wie z. B. Hindernisparcours, Wettrennen im Schwarzen Meer, Geschicklichkeitsübungen etc. Abgerundet wurden die Akademietage schließlich durch eine Abschlusszeremonie mit Rückblick, Urkundenübergabe, Preisverleihung und anschließendem Ausklang mit Lagerfeuer. Die meisten Teilnehmer*innen wie meine deutsche Kollegin Maria reisten am nächsten Vormittag ab. Ich selbst musste bereits in der Nacht nach der Abschlusszeremonie abreisen.

Lagerfeuerromantik am letzten Abend
Lagerfeuerromantik am letzten Abend

Abschließend sei an dieser Stelle erwähnt, dass wir von unseren Gastgeber*innen und Kolleg*inneen stets freundlich empfangen und bestens integriert wurden. Die Organisator*innen haben sehr viel Zeit in die Akademie investiert und uns in unseren Workshops und im Rahmenprogramm tatkräftig unterstützt. Das straffe Akademieprogramm ließ zwar vergleichsweise wenig Freiräume für kulturellen Austausch und Freizeit, dafür stand der Erwerb und Austausch fachlichen Wissens klar im Vordergrund. Ziel dabei war es, Freiwillige dazu auszubilden, in ihrem jeweiligen Workshopgebiet zukünftig mehr Verantwortung übernehmen zu können und sich entsprechend aktiv lokal und überregional einzubringen. Doch auch für sonstige Interessent*innen bietet die Akademie eine einmalige Gelegenheit das Rote Kreuz in einem internationalen Kontext zu erleben, sodass wir die Veranstaltung absolut weiterempfehlen können. Maria und ich sind überglücklich, dass wir der Einladung des Bulgarischen Roten Kreuzes zur Akademie 2017 folgen durften und danken hierfür insbesondere unseren JRK Landesverbänden Bayern und Baden-Württemberg für die Nominierung und natürlich dem JRK Bundesverband als Entsendeorganisation.

Dieser Erfahrungsbericht ist letztendlich deutlich länger ausgefallen als ursprünglich angedacht, ich hoffe aber damit zukünftige Delegierten einen umfassenden Eindruck davon vermittelt zu haben was sie erwarten könnte. Einige der hier im Erfahrungsbericht bereits beschriebenen Themen basieren auf offiziellen Dokumenten, die sich hier nachlesen lassen. Weitere Informationen gibt es ansonsten noch auf der IFRC Lernplattform und im IFRC FedNet. Interessierte Leser*innen habe ich hoffentlich dazu motivieren können sich mehr mit der Internationale Rotkreuz- und Rothalbmond-Bewegung zu beschäftigen und sich selbst aktiv einzubringen. Ich kann nur sagen: Es lohnt sich!

Marcelo Aberle

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