Gründe für das Ehrenamt

Immer mehr Menschen engagieren sich ehrenamtlich. Was löst diesen Trend aus?

Die Anzahl der Menschen, die bei Notfällen und Katastrophen freiwillig und unentgeltlich Hilfe leisten, steigt an. Der wirtschaftliche Wert der Freiwilligentätigkeit wird derzeit auf 6 Milliarden US Dollar geschätzt. Der soziale Wert der Freiwilligentätigkeit lässt sich hingegen schwerlich in Zahlen fassen.

Insbesondere die Tätigkeit der Freiwilligen in ihrer direkten Umgebung ist „unbezahlbar“. Niemand ist so nah dran an den Problemen und Bedürfnissen der Notleidenden wie die eigenen Nachbarn. In der Demokratischen Republik Kongo haben Rotkreuz-Mitarbeiter z. B. geholfen, 2 Millionen Menschen vor Polio zu schützen, indem sie die angstbesetzten Vorbehalte gegen das Impfen abbauten und die Impfstoffe auch in den abgelegensten Gemeinden verteilten.

Die Empfangenden profitieren sichtbar vom freiwilligen Engagement. Die Gebenden investieren Zeit und Kraft und erhalten keine greifbare Gegenleistung. Trotzdem gibt es einen Trend zum Ehrenamt. Was löst ihn aus?  

Einflüsse aus verschiedenen Richtungen
Die Regierungen zeigen ein verstärktes Interesse am bürgerschaftlichen
Engagement und dem daraus resultierenden Benefit für die Gemeinden, die Gesellschaft und die Welt als Ganzes. Eine wachsende mediale Berichterstattung zu humanitären Themen ist ein weiterer Faktor, der dazu beiträgt, die Menschen für's Ehrenamt zu gewinnen. Auch erfolgreiche Unternehmen wie Cisco Systems, Samsung und General Electric integrieren eine Kultur der sozialen Verantwortung und motivieren ihre Angestellten damit für freiwilliges Engagement.

Der wachsende Wohlstand in den Schwellenländern hat ebenfalls einen Einfluss auf den Anstieg von Nothelfern. In prosperierenden Gemeinden sind grundlegende Güter wie Nahrungsmittel, Unterkunft und Kleidung eine Selbstverständlichkeit, so dass die Menschen sensibel werden für jene, die Hab und Gut entbehren müssen. 

Persönliche Gründe
Viele engagieren sich freiwillig, weil sie damit ihre Fähigkeiten entdecken oder einbringen wollen, weil sie ein Netzwerk ausbauen wollen oder sich wünschen, eine größeren Sinn zu finden - jenseits materieller Werte und Ziele. So verstehen viele ihr Ehrenamt als Teil ihrer persönlichen Weiterentwicklung und sehen darin den eigenen "Profit".  

Und nicht zuletzt führen tiefgreifende Erfahrungen - die eigene Betroffenheit - dazu, anderen helfen und Leid lindern zu wollen. So wie bei Stanley Clairmont aus Haiti und Kalsoom Jhatial aus Pakistan, die beide schwere Katastrophen miterlebt haben:

Stanley Clairmont arbeitet für das Britische und Haitianische Rote Kreuz im Bereich "Sanitation". Foto: IFRC
Stanley Clairmont arbeitet für das Britische Rote Kreuz im "Sanitation-Team"

Haiti – Hilfe nach dem Erdbeben
Stanley Clairmont wusch gerade seine Kleider für den kommenden Tag an der Universität als ein schweres Erdbeben seine Heimatstadt Port-au-Prince erschütterte.
 
Er konnte seine Großmutter aus den Trümmern ihres eingestürzten Hauses befreien. Eine medizinische Behandlung für sie zu erhalten, erschien aussichtslos, bis schließlich das Haitianische Rote Kreuz ihr helfen konnte. Das war der Moment, wo Stanley selbst etwas tun wollte. Er begann damit, für das Haitianische Rote Kreuz in die verschiedenen Camps zu fahren und Hilfsgüter zu verteilen.

Stanley stand kurz vor dem Abschluss seines Studiums als Elektrotechniker an der Quisqueya University in Port-au-Prince. Die Universität ist komplett zerstört. Er hat seit dem Erdbeben von niemanden etwas gehört. Nun weiß er nicht, was passiert. Er kann nicht mal richtig darüber nachdenken. Es war sein Traum, das Diplom zu erhalten.

Mittlerweile arbeitet Stanley im Bereich Katastrophenhilfe für das Britische Rote Kreuz. Es macht ihm Spaß, im Team „Sanitär und Hygiene“ mitzuarbeiten, zu lernen und einiges von dem technischem Wissen anwenden zu können, das er während seines Studiums gelernt hat.

Kalsoom Jhatial (re.) ist 17 Jahre und arbeitet für den Pakistanischen Roten Halbmond im Bereich "Health Care". Foto: IFRC
Kalsoom Jhatial (re.) arbeitet für den Pakistanischen Roten Halbmond im Bereich "Health Care"

Pakistan – Hilfe nach der Flut
Es ist zu heiß. Sie hat kein Wasser zu trinken. Ihre Füße stecken knöcheltief im Schlamm. Kalsoom Jhatial macht das nichts aus, denn sie folgt ihrer Leidenschaft. Die 17-jährige College Studentin arbeitet für den Pakistanischen Roten Halbmond. Glücklich und stolz fühlt sie sich, weil sie Flutopfern helfen kann.

Wenn sie nicht studiert, dann verbringt Kalsoom ihre Tage damit, mit dem mobilen Gesundheitsteam des IKRK von Ort zu Ort zu reisen, um den betroffenen Menschen eine grundlegende medizinische Versorgung zukommen zu lassen. Kalsoom hilft bei der sprachlichen Verständigung und sie arbeitet in der Apotheke auf Rädern – misst Blutdruck, Temperatur und Gewicht.

Kalsoom weiß wie alltägliche Armut aussieht. Aber sie ist nicht vergleichbar mit dem Elend der obdachlosen Campbewohner, die ständig vom Ausbruch schwerer Krankheiten bedroht sind. Die Rotkreuz-Mitarbeiter klären auf, lehren die Menschen, sich vorsorglich zu verhalten. Es geht immer wieder um Bildung. Um das Wissen über Hygiene.

Es war die totale Zerstörung durch die Fluten, die Kalsoom und viele andere zur Mitarbeit beim Pakistanischen Roten Habmond bewegt hat. Jetzt plant Kalsoom ihr Wissen über gesundheitliche und medizinisiche Hilfe zu erweitern – weil es einen Sinn macht für die betroffenen Menschen und für die Zukunft ihres Landes. 

Gabriele Debatin

JRK vor Ort

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