Hürden weg, Ideen her

Auf dem Buntstifter-Kongress am 7. und 8. Juni in Berlin ging es darum, Vorurteile und Barrieren abzubauen. Ihre Vorschläge für eine inklusive Gesellschaft setzen die Jugendlichen jetzt in ganz Deutschland um – und wollen andere zum Mitmachen anstiften.

Vielfältig. Die Moderatoren Joshua Kwesi Aikins und Erwin Aljukic (4. und 5. von links) diskutieren mit den Gästen über ihre Diskriminierungserfahrungen: Judy Gummich (Menschenrechtlerin und Diversity-Trainerin), Bernhard Franke (stellvertretender Leiter der Antidiskriminierungsstelle des Bundes), Baris Güngör (Young Voice TGD), Raúl Krauthausen (Aktivist und Berater für Inklusion und Barrierefreiheit), Martin Zierold (Gebärdensprachdozent, Grünen-Politiker), Steve Stymest (Fotograf, Model, Coach).

Samstagmorgen, 10 Uhr, 1. Etage im Berliner Freizeit- und Erholungszentrum (FEZ): Rund 150 junge Menschen strömen von der Empore in den Konzertsaal 1, einen holzvertäfelten Raum, in dem statt Musik Gemurmel zu hören ist. Vor der Bühne umarmen sich ein blondes Mädchen und ein fast kahlgeschorener gebräunter junger Mann. Ihre Lippen bewegen sich, doch selbst wenn man direkt neben ihnen steht, ist kein Wort zu hören. Dafür scheinen ihre Arme und Hände zu tanzen. Smalltalk unter Gehörlosen.

Sagt man jetzt gehörlos? Oder taub? Taubstumm? Gar nicht so einfach, die richtigen Worte zu finden, wenn man plötzlich mit Menschen zu tun hat, die man vorher nicht kannte. Und die dazu noch Einschränkungen haben. Denn wir alle haben Vorurteile, häufig aus Unwissen, manchmal auch aus mangelnder Toleranz. Die Sprachbarriere zwischen einem Hörenden und einem Nicht-Hörenden kann ein Gebärden-Dolmetscher überwinden. Doch im Alltag hat längst nicht jeder Gehörlose seinen persönlichen Übersetzer. Und für viele Mitglieder unserer Gesellschaft gibt es jede Menge Hürden, die sie von einigen Lebensbereichen fernhalten oder gar ausschließen.

Wie gut man sich verstehen, wie intensiv diskutiert und wie fröhlich gefeiert werden kann, haben am Pfingstwochenende Jugendliche aus ganz Deutschland auf dem Buntstifter-Kongress gezeigt. „Die Buntstifter“ ist ein inklusives Jugendprojekt des Jugendrotkreuzes, der Deutschen Gehörlosen-Jugend und Young Voice TGD, dem Jugendverband der Türkischen Gemeinde in Deutschland.

150 Menschen unterschiedlichen Alters und aus verschiedenen Communities stellten den prominenten Gästen einer Podiumsdiskussion Fragen und berichteten von ihren eigenen Erfahrungen. Sie entwickelten Ideen, wie sich Barrieren beseitigen lassen: in unseren Köpfen, in Schule und Ausbildung, in den Verbänden und schließlich in der gesamten Gesellschaft, im Sinne eines bunten vielfältigen Miteinanders.

Anstiften! Am Ende des Buntstifter-Kongresses formulieren die Teilnehmer ihre Forderungen an Politik und Gesellschaft.

Diskriminierte können entschädigt werden
Die Podiumsdiskussion zu Beginn des Kongresses im FEZ hat gezeigt: Die Jugendlichen stehen vor einer Mammut-Aufgabe. Denn viele Menschen diskriminieren, Barrieren lauern in vielen Situationen. Zum Beispiel der Fotograf, der keine tauben Models fotografieren will. Das erlebte der Buntstifter-Botschafter Steve Stymest, selbst gehörlos, Model und Fotograf, als er die Show „Germany’s Next Deaf Model“ organisierte. Zum Beispiel der Berufsberater, der behinderten Menschen keine Wahlfreiheit zugesteht. Der Schauspieler Erwin Aljukic, ebenfalls Buntstifter-Botschafter, wollte Modedesign studieren – der Berater nannte diesen Wunsch „unrealistisch“. Zum Beispiel der Türsteher eines Clubs, der Menschen mit dunkler Hautfarbe abweist. „Ich bin nicht auf meine eigene Abiparty gekommen“, sagt Baris Güngör, Mitglied von Young Voice TGD.

Das ist einer der typischen Fälle von Bernhard Franke. Er ist stellvertretender Leiter der Antidiskriminierungsstelle (ADS) des Bundes, die kostenfrei zu Diskriminierung berät. Die ADS nimmt Kontakt zu der Gegenseite auf, versucht, den Streit gütlich beizulegen. „Häufig erreichen wir eine Entschuldigung für die Diskriminierten“, sagt Franke. Bestraft wird Diskriminierung in Deutschland nicht, Betroffene können höchstens Entschädigungen erhalten.

Wer bin ich? In Trickfilmen setzen sich die Jugendlichen mit wechselnden Identitäten auseinander.

Ein erster Schritt: sich gegenseitig kennenlernen
Was kann nun jeder Einzelne gegen Diskriminierung tun, wie lassen sich Barrieren abbauen? Die ersten Schritte um diese Mammut-Aufgabe zu meistern, haben die Teilnehmer des Buntstifter-Kongresses selbst gemacht: Sie lernten sich und die anderen besser kennen. Die Jugendlichen absolvierten einen Schnupperkurs in Gebärdensprache, probierten inklusives Yoga aus und beschäftigten sich in Trickfilmen mit wechselnden Identitäten. Sie sangen mit dem schwerhörigen Hamburger Musiker Mischa Gohlke den Inklusions-Song „andersSein vereint“, erfuhren mehr über Menschenrechte und Diversity.

Die Schritte, die sie noch machen wollen, planten die Teilnehmer während der Open-Space-Veranstaltung am Sonntag. Die Buntstifter vernetzen sich quer über ihre Verbände hinweg, wollen Fernsehsender anschreiben, die ihre Sendungen besser untertiteln sollen, ein inklusives Bilderbuch erstellen – Arbeitstitel: „Ich habe einen Freund, der hört mich nicht“ und Barrierefreiheit im Evakuierungsfall erreichen.

Zwei Teilnehmer wollen einen Bezeichnungs-Knigge schreiben. Die gehörlosen Teilnehmer auf dem Kongress haben deutlich gemacht: Ob „gehörlos“ oder „taub“ ist ihnen gleich. Nur „taubstumm“ geht gar nicht. Denn eine Sprache haben sie schließlich. Und verstanden werden sie auch.

Christina Kohl 

JRK vor Ort

Das Jugendrotkreuz gibt es auch in Deiner Nähe.

Mehr erfahren
Folgt uns auf:
Facebookyoutube